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Review: So fahr denn hin, du stolze Königin

17th June, 2017

Nicht bunt gewandet wie vor zweieinhalb Wochen bei ihrem letzten Berliner Auftritt mit dem „War and Peace“-Soloprogramm kommt Joyce DiDonato auf das Podium der Philharmonie, sondern mit einem schlichten schwarzen Kleid. Nur die silberne Applikation an ihrer Schulter lässt an die Schlange denken, mit der sich Kleopatra sogleich in Hector Berlioz’ lyrischer Szene „La mort de Cleopatre“ effektvoll umbringen wird.

Ihr wunderbar tragender Mezzosopran, der in der Höhe zunehmend in silbernem Schimmer strahlt, ist von einer so natürlichen emotionalen Präsenz, dass die amerikanische Sopranistin nur wenige genau gesetzte zusätzliche Effekte benötigt, um der bedrängten Königin psychologische Tiefe zu verleihen: Mal ist es ein intensiviertes, zitterndes Vibrato auf dem Wort indigne (unwürdig), mit dem sie sich angstvoll ihren übermächtigen Vorvätern naht, und ein anderes Mal auch nur die wütend ausgestoßene Vorsilbe von déshonorée (entwürdigt), der sofort ein schamvolles Decrescendo folgt.

Die Oboe ruft die Pharaonen an

Würdige Begleiter sind ihr die Berliner Philharmoniker. Zwar könnte Ludovic Morlot, der kurzfristig für den erkrankten Yannick Nézet-Séguin eingesprungen ist und an diesem Abend sein Philharmoniker-Debüt gibt, das wütend-wahnwitzige Moment dieser Selbstmordszene, welche die Professorenjury des Pariser Konservatoriums 1829 ernsthaft verstörte, noch stärker betonen. Um so hinreißender ist es allein, wenn sich Albrecht Mayers Oboe in der Anrufung der Pharaonen subtil an DiDonatos Stimme anzuschmiegen und deren Klangfarbe aufzunehmen scheint, ohne sich dabei freilich in den Vordergrund zu drängen.

Überhaupt ist der Abend trotz der opulent besetzten Werke – es stehen neben Berlioz’ Kantate Ravels „Ma Mère l’Oye“ und Strawinskys „Feuervogel“ auf dem Programm – reich an im allerbesten Sinne kammermusikalischen Interaktionen. Denn auch wenn der präzise und gänzlich uneitel dirigierende Morlot Berlioz’ und Strawinskys ausgeprägte Lust an der Provokation nicht ganz teilt, so hat er dafür ein um so feineres Ohr für dynamische und farbliche Übergänge. So können sich die Mitglieder des Orchesters immer wieder in harmonisch aus dem Gesamtklang entwickelnden Soli nach Herzenslust entfalten und in vorzugsweise lyrischer Atmosphäre vom luftigen Piccologezwitscher bis hin zu unwirklich zarten Hornsoli die Zuhörer verblüffen und bewegen.

 

17 June 2017
Von Carsten Niemann / Tagesspiegel